Überstimulationssyndrom (OHSS)

Das Überstimulationssyndrom (Ovarian Hyper Stimulation Syndrome = OHSS) bezeichnet eine seltene Komplikation, die bei der hormonellen Stimulation im Rahmen einer künstlichen Befruchtung auftreten kann. Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein, von einer leichten Störung des Wohlbefindens bis hin – in sehr seltenen Fällen* – zu einer schweren Erkrankung, die stationär behandelt werden muss.

*Schwere Formen des OHSS sind sehr selten. Diese Information soll dazu dienen, dass Patientinnen auch in diesen seltenen Fällen gut informiert sind und sich ebenso bei leichteren Symptomen in Folge einer Stimulationsbehandlung sicher fühlen können.

Die Stimulation der Eierstöcke geschieht unter sorgfältiger Planung und Kontrolle – dennoch kann es nicht immer gelingen, eine Überstimulation zu vermeiden: einerseits soll ein möglichst gutes Ergebnis für die Patientin erzielt werden (ausreichend Eizellen), andererseits ist die Reaktion des Körpers sehr individuell und nicht zu 100% voraussagbar. Jedoch ist faktisch jede Form der Überstimulation selten und mit praktischen oder medizinischen Interventionen gut in den Griff zu bekommen.

Wie zeigt sich ein Überstimulationssyndrom?

Je nach Schwere der Überstimulation zeigen sich verschiedene Symptome. Vorstufen dieser Symptome (Spannungsgefühl im Unterbauch, Unwohlsein, leichte Übelkeit) können auch während einer normal verlaufenden Stimulation auftreten und benötigen keiner besondere Therapie.

OHSS

Moderate Formen

  • Unwohlsein, leichte Schmerzen, Übelkeit, Gefühl von Blähungen, Nachweis von Aszites (Wasseransammlung im Bauch) durch Ultraschall und vergrößerte Eierstöcke

Schwerere Formen

  • Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Oligurie (Veränderung in der Harnausscheidung), (Ober-)Bauchschmerzen, Atembeschwerden, Zwerchfellreizung, Ultraschall zeigt vergrößerte Eierstöcke und deutliche Aszites (Wasseransammlung im Bauch), dadurch merkliche Spannung des Bauches

Die Beschreibung der oben genannten Symptome können auf den ersten Blick erschreckend sein. Es muss erwähnt werden, dass eine solche Symptomatik nicht aus dem Nichts heraus auftritt und meist frühzeitig geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden können. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit einer schweren Überstimulation mit 0,1 – 2% sehr gering.

Therapiemöglichkeiten

Die Therapie einer Überstimulation hängt von Schweregrad ab.

  • Maßnahmen, die zuhause getroffen werden (bei leichten Formen)
    körperliche Schonung, ausreichend Flüssigkeitszufuhr (mind. 3-4 Liter pro Tag), Kühlung des Unterbauchs (Drosselung der Durchblutung der Eierstöcke), eiweißreiche Kost bzw. Eiweißdrinks aus der Apotheke oder Supermarkt (z.B. Allin) haben sich ebenfalls als sehr hilfreich erwiesen
  • Symptomlinderung und Behandlungsmöglichkeiten zur Vorbeugung von Komplikationen
    Infusionen (z.B. Multi-Lipid (SMOF) oder Calcium), Ankurbeln der Nierenfunktion zur Wasserausscheidung, Aszitespunktion zur Verringerung des Bauchdrucks, Überwachung der Flüssigkeitsausscheidung, des Bauchumfangs und der Blutwerte (das Eintreten sehr schwerer Komplikationen wie Nierenversagen oder einer Thrombose soll so verhindert werden)
  • Engmaschige, ambulante Betreuung bzw. stationäre Aufnahme (bei schweren Formen)
    kann in der gynäkologischen Abteilung des Goldenen Kreuz (bei PatientInnen mit privater Zusatzversicherung) oder in einer gynäkologischen Abteilung eines Krankenhauses erfolgen. In Wien sind bei OHSS besonders das AKH oder das SMZ-Ost zu empfehlen.

Wie entsteht ein Überstimulationssyndrom?

Die genauen Zusammenhänge der Entstehung eines Überstimulationssyndroms sind noch nicht geklärt. Daher ist auch keine ursachenbezogene sondern nur eine symptombezogene Therapie möglich.
Was sich klar zeigt, ist die Rolle des gelbkörperstimulierenden Hormons und des Schwangerschaftshormons hCG, welche bei einer künstlichen Befruchtung zu 2 Zeitpunkten im Körper der Frau auftreten können:

  • 1. Mal bei der Hormonstimulation
  • 2. Mal im Fall einer eintretenden Schwangerschaft

Daher hat eine Schwangerschaft auch einen verstärkenden Effekt auf eine bereits bestehende Überstimulation (OHSS).

Analog zu diesen zwei Zeitpunkten werden zwei Formen der Überstimulation unterschieden:

  • „Early Onset“: tritt meist innerhalb weniger Tage nach der Follikelpunktion auf; die Symptome und Komplikationen werden weniger, falls keine Schwangerschaft eintritt
  • „Late Onset“: ist offensichtlich an die Hormonproduktion zu Beginn einer Schwangerschaft gekoppelt und tritt erst 8 bis 17 Tage nach der Follikelpunktion auf. Es bessert sich spontan mit der abnehmenden Aktivität des Gelbkörpers (Corpus Luteum). Dies geschieht in etwa ab der 5.-6. Schwangerschaftswoche.

Muss ich die Behandlung deswegen abbrechen?

Wenn sich die Symptome der Überstimulation nach der Follikelpunktion weiter verstärken und schwerere Formen annehmen, wird von uns angeraten, den Embryotransfer „abzusagen“. Die Behandlung wird dann zu diesem Zeitpunkt abgebrochen und die Embryonen für einen späteren Versuch gefroren (kryokonserviert).

Im nächsten Versuch muss dann nur noch der Kryo-Embryotransfer erfolgen.

Beispielfälle aus der Praxis

Fall 1

Frau F. bemerkt einige Tage nach der Follikelpunktion zunehmende Unterbauchschmerzen, Völlegefühl und einen leicht zunehmenden Bauchumfang. Ihr ist manchmal übel und sie verspürt nur verminderten Appetit. In einem Kontrollultraschall wird festgestellt, dass die Eierstöcke leicht vergrößert sind und sich eine geringe Menge an Flüssigkeit (Aszites) im Bauchraum angesammelt hat. Dieser Zustand hält mehrere Tage an, die Frau F. großteils mit kühlenden Umschlägen und viel Flüssigkeitszufuhr im Bett verbringt. Sie hat das Gefühl, dass dadurch die Symptome für sie erträglich sind. Eine Woche nach dem Transfer stellt sich bei ihr die Regelblutung ein und die Symptome verschwinden gänzlich. Leider wurde sie bei diesem Versuch nicht schwanger. Durch das gute Ansprechen ihrer Eierstöcke auf die Stimulation war es allerdings möglich, mehrere Embryonen einzufrieren, was Frau F. Mut für den nächsten Versuch machte.

 

Fall 2

Frau M. wird 12 Tage nach dem Embryotransfer von einer Kinderwunschklinik mit Aszites (Wasseransammlung im Bauch), Atemnot, erhöhtem Bauchumfang und Übelkeit ins Krankenhaus eingewiesen. Die Patientin berichtet, dass sie erst in den letzten 3-4 Tagen zunehmende Beschwerden sowie eine Bauchumfangszunahme mit Atemnot bemerkt hat. Aufgrund der starken Beschwerden wird Frau M. stationär aufgenommen. Zu Linderung der Atemnot wird eine Aszitespunktion durchgeführt, in der Flüssigkeit aus dem Bauchraum abgesaugt wird und die der Patientin sofort Erleichterung verschafft. Weiters erhält sie Infusionen und es werden Blut-, Harnausscheidung und Bauchumfang regelmäßig kontrolliert. Im weiteren Verlauf bessern sich die klinischen und subjektiven Symptome, sodass Frau M. nach 7 Tagen im Krankenhaus entlassen werden kann. Während ihres Aufenthalts wurde das Eintreten einer Schwangerschaft festgestellt, die offensichtlich auch der Auslöser des Überstimulationssyndroms (OHSS) war.